Entnommen dem Archiv der Berliner Morgenpost
Titel: Schön war's dennoch / «Lord» Knud Kuntze: Stimme der Beat-Generation
Autor: Patrick Goldstein
Immer sonnabends früh, und das zog sich von den 70ern bis in die
mittleren 80er Jahre, da schwofte unser Vater im braunen Schlafanzug
durch die Tempelhofer Wohnung, das Radio weit aufgedreht, den
Rauhaardackel auf dem Arm, und sang laut zu den «Evergreens à go
go». Wenn die Familie dann am Frühstückstisch saß, legte der
Hausvorstand während der Witze des Moderators, der sich Lord Knud
nannte, den Zeigefinger an den Mund. Man lauschte, lachte, und meist
schüttelte einer den Kopf und sagte etwas wie: «Typisch Knud». So
war das bei uns.
Wahrscheinlich kennt ihn jeder, der sich zwischen 1968 und 1986 für
längere Zeit in einer der beiden Stadthälften aufhielt. Mit bis zu
vier Sendungen gleichzeitig drang Lord Knud in die Wohnungen der
Insulaner des kleinen West-Berlins, verschaffte er sich über die
Ätherwellen unkontrollierten Zutritt in die Hauptstadt der DDR.
Wie Kreissägeblätter durchtrennten seine Beatmusik-rotierenden
Plattenteller Ende der Sechziger die Klassik- und
Heimatmusik-Verkrustung des RIAS. Sein loses Mundwerk spie Spruch um
Spruch; Pointen, mal so flach wie der Bierdeckel auf dem Stammtisch,
mal so inspiriert wie ein Kabarettist nach dem «Zugabe»-Applaus.
Das Leben des Knud Kuntze, wie er ganz, ganz bürgerlich heißt,
begann vor 55 Jahren. 1944 wurde er in der Evakuierung, dem
polnischen Lissau, Adolf-Hitler-Straße, als zweiter Sohn geboren.
«Zurück in Berlin suchte mein Vater nach einem Weg, Geld zu
verdienen. Er kam auf Schuhverkauf.» Hans Kuntze schusterte Schuhe
mit Holzsohle und brachte sie im neueröffneten Geschäft an Frau und
Mann. Knud sah seine Zukunft als «Schuhfritze» besiegelt.
Irrtum. Denn in der Dixieland- und Skiffle-Szene von «Riverboat» und
«TöffTöff» schloß sich der 1,86 Meter große Beau Anfang der 60er der
Clique der «Skiffle-Lords» an. Wie die Liverpooler «Silverbeetles»
verzichtete die Band früh auf die ersten beiden Silben, die «Lords»
dann auf den alten Bassisten, und schließlich stieg Knud als fünfter
Mann ein.
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Im VW-Bus mit «Schuh-Kuntze»-Schriftzug knatterte man von Konzert zu
Konzert, trat man im Hamburger Starclub auf, wurde man laut «Bravo»
Deutschlands «Nummer eins Beat-Band». |

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Knud: «Das war was. Bis um
fünfe spielen, kreischende Mädels, dann eine Stunde schlafen und ab
acht Uhr im Schuhladen stehen. ,Was darf's sein gnä' Frau?´ Und den
Vater immer im Nacken.»
Ihre Hits hießen «Shakin' all over» und «Poor boy». Der «arme Junge»
war Kuntze letztlich selbst. Den Erfolg der Single beobachtete er
vom Krankenbett aus, denn im Februar 1965 hatte er bei einem
Autounfall das linke Bein verloren, danach seinen Platz in der Band.
Beim Gespräch in seinem 50er-Jahre-Bungalow in Dahlem kalauert er
viel über die Behinderung. «Mit dem falschen Bein aufstehen» und
«herumhoppeln», sagt er hinter futuristischer Brille und lacht
glucksend. Die Fassade steht. Was dahinter passiert, behält er für
sich.
«Zurück in den Schuhladen - der Vater hatte jetzt Filialen in den
Außenbezirken - kam nicht in Frage. Ich wollte vorankommen, wenn
auch nur auf einem Bein.»
Anfang der 60er hatte das erste Tanzlokal
mit Schallplattenbeschallung aufgemacht. Der Big Apple in
Wilmersdorf - und Berlin bebte: Beat im «Apple»,
Gesellschaftspielabende mit Rolf Zacher, sogar Frank Zander hatte
seine Band.
«Eines Abends kam ein US-Army-Offizier zu mir in die Disko. ,Warum
gibt es hier keinen, der die Sendungen moderiert?´ hatte der beim
RIAS gefragt und sich auf die Suche gemacht.» Zwei Tage später fing
Kuntze im Sender an und fühlte sich gleich heimisch.
Der RIAS, Amerikas Megaphon im Kalten Krieg, war «konservativ wie
ich damals». Fünf Jahre nach dem verhaßten Mauerbau konnte Knud nun
radiophon schimpfen, auf DDR und Studentenbewegung. Nach Feierabend
trug er Anzüge «wie die von Axel Springer». Hamburger Eleganz und
Weltgewandtheit: faszinierend für den jungen Mann aus dem
abgeschiedenen West-Berlin.
«Aber schön war's hier dennoch», sagt Kuntze beim zweiten Joint,
seinem ärztlich befürworteten Schmerzmittel. «Keiner hatte
Bundeswehrdrill erlebt. Karrieristen hatten die Stadt verlassen -
wir waren schon ein duftes kleines Dorf.»
Die Siebziger wurden seine zweite Jugend. Alte Zeitungen zeigen ihn
beim Golfen, mit immer neuen Blondinen, im Rollkragen, im Arm von
Paul Kuhn und Udo Jürgens, seinem besten Freund. Eigentlich hatte er
den Sänger wegen «so einer Frauengeschichte» vermöbeln wollen. Statt
dessen zog Jürgens - auch so einer, den es aus der engen Bürgerwelt
drängte, der nicht mehr Udo Bockelmann sein wollte - in Knuds Haus
ein.
Seit 1968 moderierte Kuntze die «Evergreens à gogo». Ein weiterer
Renner wurden seine «Schlager der Woche». Verbal haute Kuntze «immer
kräftig auf die Sozis. Die hatten in Berlin all die Neubauten
hochgezogen, das alte Berlin plattgemacht.» Viele der Politkalauer
zwischen Beach-Boys-Hit und Alexandra-Schlager zielten gen Pankow
und trafen das Herz der Hörer in Ost-Berlin. Ost-Großmütter schauten
bei ihm im Schöneberger Sendehaus vorbei, bekamen von ihm Platten
für die Enkel, Grüße gingen von Ost nach West und umgedreht. Das
«Arme-Ostler»-Syndrom eben. «Aber denken Sie nicht, daß ich seit der
Wende nur einmal drüben gewesen wäre», sagt Kuntze heute
selbstkritisch. Er hat Angst «vor dem anerkennenden Schulterklopfen
und den Erinnerungen der Leute an meine Sendungen».
Eine Riesenparty war dieses Jahrzehnt. Koks, Frauen, Bälle bei
Fürstin Gracia, Modenschau in St. Moritz, Kuntze aus Lichterfelde
Süd mittenmang. Und immer Alkohol. Immer mehr. Mit Fahne vor dem
Mikro, immer rauher die Stimme.
1986 dann war Schluß mit Lord Lustig. «Ich habe nichts gegen die
Frauenbewegung - Hauptsache, sie ist rhythmisch» hatte er im Funk
gesagt, und Richard von Weizsäcker hatte es gehört. Genug. Durch
seinen Umgang mit Wolfgang Neuss, mit den Leuten der Ufa-Fabrik und
dank seines Mundwerks hatte er es sich mit dem Berliner
Establishment eh verscherzt. Knud flog. «Sieben Jahre brauchte ich,
um darüber hinwegzukommen», sagt er.
Mehr oder minder kurze Jobs folgten bei r. s. 2, bei RTL-Radio und
RTL-Fernsehen. Dem neuen Berlin, dem Tempo der Hauptstadt und den
Ansprüchen der gehirnerweichend heiteren Kommerzsender aber war
West-Berliner Kuntze nicht gewachsen. Seine Zeit war vorbei.
Heute feiert Kuntze andere Erfolge. «Mit Alkohol ist lange Schluß»,
sagt er mit frommem Blick. Und neue Freunde hat er. Diskjockeys, wie
er es mal war. Richtig wichtige Musiker der jungen Diskoszene. Sein
Tonstudio nutzen sie, mixen mit ihm moderne Rhythmen und
Udo-Jürgens-Platten.
Berlin, die Stadt, die Kuntze zum Lord machte, hat ihm am Ende seine
Nische gezeigt, ihm einen neuen Platz zugewiesen - und wie funkelnd,
lebensfroh und sexy der ist: In den Diskos «spül ich mir nachts
Gedanken und Kopf, da sammle ich mich, da kann ich atmen,» sagt er
durch den aufsteigenden Zigarettenrauch. «Und dann geh' ich da raus
wie ein neuer Mensch.»
© Berliner Morgenpost 2000